Verlagsgeschichte
»Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie, das heißt, Verleger, die dem Publikumsgeschmack dienerisch nachlaufen, zählen für uns nicht – nicht wahr?«
Kurt Wolff

»Nachrichten aus der Vorhölle«, titelt Hansjörg Graf in der NZZ über Leutnant Pepi zieht in den Krieg

Paris Berlin New York von Wolfgang Hermann in der Neuauflage von 2014
2006–2009
Im Frühjahr 2006 erscheinen mit Der lange Gang von Uwe Bolius und dem Langessay Nicht zu glauben von H. W. Valerian die ersten zwei Bücher des Verlags. Gerade der Romantitel von Uwe Bolius sowie sein Lebensmotto geben den Weg für den Verlag vor: »Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht.«
Der Verlag versucht sich als Ort der Gegenwartsliteratur zu etablieren und taumelt noch ein wenig durch den Literaturbetrieb: Eine kleine Wissenschaftsreihe wird versucht und bald aufgegeben. Das Buch Vom Sinn des Mittelmaßes von Alois Schöpf begründet 2007 die Essay-Tradition im Limbus Verlag; ein Genre, das über die Jahre gepflegt wird.
Mit Leutnant Pepi zieht in den Krieg von Walter Klier gelingt im Frühjahr 2008 ein erster Erfolg; das Buch, eine Art österreichisches Echolot, erhält enorme Resonanz bei Presse und Buchhandel. »Selten wurde ein solch unmittelbarer und kohärenter Beitrag zur bürgerlichen Mentalitätsgeschichte veröffentlicht wie dieser Leutnant Pepi«, schreibt etwa der Rheinische Merkur.
Im Herbst veröffentlicht der Verlag das Lebensbuch von Uwe Bolius, seinen aufwühlenden wie verstörenden Roman Hitler von innen, der die Liebesgeschichte des Führers mit seiner Nichte Geli Raubal behandelt, die sich schließlich im Alter von nur dreiundzwanzig Jahren das Leben nimmt. Die Pressekonferenz findet in der ehemaligen Hitlerwohnung am Prinzregentenplatz in München statt und erregt einen kleinen Skandal. Im gleichen Programm findet sich mit der Neuauflage von Wolfgang Hermanns Paris Berlin New York ein wunderbarer Band feinsinniger Miniaturen. »Ein Kundschafter des topographisch bedingten Neulands, ein literarischer Flaneur, ein Randzonenforscher, ein Gossenpoet im besten Sinne«, schreibt Wolfgang Paterno im Profil. Über die Jahre werden noch einige weitere Bücher des Vorarlberger Autors bei Limbus erscheinen und es entwickelt sich die Verlagslinie, vornehmlich mit Hausautor*innen zusammenzuarbeiten, um im Lauf der Zeit gerade jüngere Schriftsteller*innen auf ihrem Weg zu begleiten.
Der Verlag ist seit Anfang 2007 im Vorarlberger Hohenems zu Hause, was auch einen intensiven Austausch mit der nahen Schweiz zur Folge hat.
2010–2012
Der Limbus Verlag etabliert sich langsam bei Presse und Buchhandel und das Verlagsprogramm wächst auf rund zehn Titel pro Jahr. Als Schwerpunkt des Verlags entwickelt sich der Umgang mit dem Thema des Erinnerns, mit Erinnerungen selbst und den Möglichkeiten des Erinnerns. Gabriele Weingartner wechselt zum Verlag und legt mit Tanzstraße einen Roman über das Aufwachsen in der Pfalz in den Fünfzigerjahren vor, die Übersetzerin Utta Roy-Seifert präsentiert mit Der Webfehler ein Erinnerungsbuch an ihr Aufwachsen in Breslau, dem heutigen Wrocław. Erwin Uhrmann debütiert mit seinem Roman Der lange Nachkrieg; viel wichtiger aber: Es ist der Beginn einer jahrelangen Zusammenarbeit, die schließlich in der Gründung der Lyrikreihe bei Limbus mündet, die Uhrmann bis heute als Herausgeber betreut.
Nach vier Jahren in Vorarlberg kehrt der Verlag Anfang 2011 wieder nach Innsbruck zurück und bezieht ein kleines Büro in der Kapuzinergasse 8.
Das Frühjahr 2011 beginnt mit einem Paukenschlag: Der Musiker und Autor Hans Platzgumer veröffentlicht bei Limbus seinen Tschernobyl-Roman Der Elefantenfuß anlässlich des Jahrestages des Super-GAU, der sich am 26. April 2011 zum fünfundzwanzigsten Mal jährte. Bei Erscheinen des Buches am 9. März gibt es von Buchhandel und Presse wohlwollendes Interesse, zwei Tage später bebt die Erde in Fukushima und löst weltweit Schockwellen aus. Der Elefantenfuß ist plötzlich das Buch der Stunde und Platzgumer, der auch einen biografischen Bezug zu Japan hat, wird ein gern gesehener Gesprächspartner für zahllose Medien.
Im Herbst erscheinen wunderbar feinfühlige Bücher von zwei Schweizer Autorinnen, Carmen Bregys Nicolas schläft und Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten von Christine Trüb. Im gleichen Programm legt Gabriele Weingartner einen Roman über eine Berliner Alters-WG vor. Und zum endgültigen Einstand in Innsbruck erscheint mit IFFI zwanzig ein aufwändig gestaltetes Buch über das gleichnamige Filmfestival in Innsbruck.
Im Frühjahr 2012 gelingt es Hans Platzgumer erneut, ein hochaktuelles Thema lesbar aufzubereiten. Der beginnende Arabische Frühling wirft seine Schatten voraus und Platzgumers Roman über einen Ingenieur, der in Lybien eine Bahnlinie baut, ehe die Wirren des Bürgerkriegs über ihn hereinbrechen, trifft einen Nerv. »Das ist ein Vorzug der Novelle von Hans Platzgumer, dass sie manches Klischee, das man von Libyen haben mag, zurechtrückt«, urteilt die Neue Zürcher Zeitung. Im Herbst 2012 schließlich startet eine eigene Essay-Reihe, die diesem oft vernachlässigten Genre die gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen will. »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit«, schrieb Immanuel Kant in Was ist Aufklärung? – das wird zum Motto der Reihe, die mit gleich drei Bänden in den Buchhandel kommt (Alois Schöpf: Glücklich durch Gehen, Alexandra Keller: Ein Land wird besichtigt, Hans Platzgumer: Musik ist Müll).
Um es mit den Worten von Alois Schöpf zu sagen, der in den kommenden Jahren als Herausgeber der Reihe fungiert, mit der ihm eigenen Ironie: »Der Pudel ist ein Sieg der Aufklärung.«

»Grausamkeit zerteilt die Idylle«, urteilt die Rheinzeitung über Tanzstraße

»Platzgumer erzählt in apokalyptischen Bildern von einer Welt, in der nichts mehr alltäglich ist.« DIE ZEIT

»Trüb ist ein Buch gelungen, das die Bezeichnung poetisch verdient«, schreibt die NZZ über Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten

»Vexierbild mit Vater, Mutter, Kind«, urteilt Angelika Overath in der NZZ

»Ein Meister einer ganz spezifischen Form des Langgedichts.« ORF Ö1

»Groteske Hysterie um Literaturbetrieb«, titelt Thomas Trenkler im Standard über Wenn Dichter nehmen

»Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.« Stefan Zweig

»Die Tiroler sind schön, heiter, ehrlich, brav, und von unergründlicher Geistesbeschränktheit.« Heinrich Heine
2013–2015
»Was sind eigentlich Krummvögel?«, fragen sich Presse und Buchhandel im Frühjahr 2013, als Bestseller-Autorin Eva Rossmann einen solchen Roman bei Limbus vorlegt. Wie ein Jahr zuvor die Veröffentlichung von Hans Platzgumers Trans-Maghreb gehen auch die Krummvögel auf eine Kooperation mit einem Bauträger aus Deutsch-Wagram zurück: die RP Projektentwicklung. Ein schönes Beispiel für modernes Mäzenatentum, schließlich langweilt es über die Jahre, den Kunden zu Weihnachten die ewiggleiche Flasche Wein zu übermitteln – daher lieber ein Buch. Selbst der Nino aus Wien bewirbt Krummvögel in einem eigenen Musikvideo zum Buch.
Das Verlagsprogramm wächst auf rund 15 Bücher im Jahr, die Essayreihe wird fortgesetzt und eine kleine Taschenbuchreihe wird versucht, in der vergriffene Backlisttitel des Verlags lieferbar bleiben sollen. Die Grafikerin Johanna Rüdisser entwirft für die neue Reihe markante Umschlagzeichnungen, wird einige Zeit später aber vor allem durch die Gestaltung der Limbus Preziosen das Erscheinungsbild des Verlags für mehrere Jahre entscheidend prägen. Noch aber sucht der Verlag nach einem weiteren Standbein, und so entsteht nach dem Bezug eines größeren Büros unter der Adresse Pradlerstraße 41 eine kleine Verlagsbuchhandlung mit dem Schwerpunkt Kinder- und Bilderbuch. Im Herbst 2013 wechselt der Schweizer Autor Ralf Schlatter mit seinem hochkomischen Roman Sagte Liesegang zu Limbus, ein Auftakt, dem bisher sechs weitere Bücher folgen. Schlatters literarisches Schaffen ist geprägt von einer melancholischen Komik, die mit seiner zweiten Profession als Kabarettist korrespondiert; seit Jahren tourt er als Duo schön & gut (zusammen mit Anna-Katharina Rickert) vornehmlich auf Schweizer Kleinkunstbühnen – ausgezeichnet mittlerweile mit dem Salzburger Stier und dem Schweizer Kabarettpreis Cornichon (beide 2014). Im Herbst 2013 schließt der Verlag zudem eine Lücke im Programm, als mit Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald von Wolfgang Hermann der erste Gedichtband erscheint; noch ist nicht zu erahnen, wie wichtig die Lyrik in den kommenden Jahren für den Verlag wird. Es ist nebenbei das erste Buch, das unter dem Label »Limbus Preziosen« veröffentlicht wird. In Anlehnung an die Gründerzeitverlage wie etwa Insel ist der Einband mit scheinbar kaschierten Schildchen gestaltet, das nicht selbstverständliche Lesebändchen ist bis heute obligatorisch.
Im Frühjahr 2014 reüssiert Erwin Uhrmann mit seinem Roman Ich bin die Zukunft, für den er für den Alpha-Literaturpreis nominiert wird. Der Autor zeigt sich hier schon – wie Jahre später mit Zeitalter ohne Bedürfnisse – als Vertreter der Cli-Fi, die den Klimawandel und seine Auswirkungen in den Mittelpunkt rückt. Die meiste Aufregung verursacht jedoch der im gleichen Programm erschienene Essay Wenn Dichter nehmen von Alois Schöpf, in dem es um den sogenannten Vorlasshandel im Literaturbetrieb geht. Die Folge ist geradezu hysterische Aufmerksamkeit der Presse, die in einen Feldzug gegen Autor und Verlag ausartet, die erst rund ein halbes Jahr später mit einem profunden Artikel in der ZEIT abebbt. Ebenso zu erwähnen wäre die Anerkennung, die Gabriele Weingartners Roman Die Hunde im Souterrain im Herbst des Jahres erhält, unter anderem durch die Nominierung für den Alfred-Döblin-Preis, oder der Essay Warum man seine Kinder nicht taufen lassen sollte von Gerhard Engelmayer, der als Leiter des Freidenkerbundes in Österreich für die Abschaffung von Kirchenprivilegien und für eine aufgeklärte und vernunftbasierte Ethik abseits religiöser Dogmen eintritt.
Im Jahr 2015 feiert der Limbus Verlag sein zehnjähriges Bestehen, das Programm schärft seine Konturen. Mit den Bänden Stefan Zweigs Reise ins Nichts von Reinhard Wilczek sowie der Neuauflage von Ralf Schlatters Maliaño stelle ich mir auf einem Hügel vor gewinnt die Preziosen-Reihe an Profil, vor allem was die haptische Ausstattung und die Gestaltung betrifft. Thomas Weyrs opulentes Erinnerungsbuch Die ferne Stadt wäre noch zu erwähnen, sowie ein kleines Büchlein, das für den Herbst angekündigt wird: ein Band mit den Tirol-Passagen aus Heinrich Heines Reisebildern, das unter dem Titel Bummel durch Tirol erscheint und den Auftakt für eine Klassikerreihe im Verlag macht, in der im schmalen Format weniger bekannte Texte bekannter Autor*innen in gut edierten Ausgaben erscheinen sollen, meist mit Glossar, Zeittafel und Nachwort. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte! Heines Bummel durch Tirol erlebt über die Jahre mehrere Auflagen und die Klassiker unter den Limbus Preziosen sorgen regelmäßig für Entdeckungen – ganz so, wie man sich das von diesen Perlen, diesen kleinen Kostbarkeiten auch erwartet. Und ja, auch das noch: Mit Jahreswechsel firmiert der Verlag unter der Anschrift Gutenbergstraße 6; keine andere Adresse wäre für einen Verlag passender als jene, die nach Johannes Gensfleisch benannt ist, dem Erfinder der Druckerpresse und des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern.
Zum Jubiläum plant der Verlag eine kleine Festschrift, welche die ersten zehn Jahre reflektieren soll. Angekündigt und geschrieben, so gut wie fertig lektoriert und bereit, zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden, verschwindet der Band aber schließlich wieder in der Schublade – warum? Weil die nächsten zehn Jahre bereits ihre Schatten vorauswerfen und das Programm wächst und gedeiht. Im Zweifel wird die oft knappe Zeit im Verlag für die aktuellen Bücher verwendet, die aktuellen Autor*innen, für die Rückschau ist schließlich auch später noch Zeit.
2016–2017
Im Jahr 2016 konsolidiert sich der Verlag nach einem bewegten ersten Jahrzehnt. Ein absolutes Highlight im Frühjahr ist eine Entdeckung für die Limbus Preziosen: der zeitlose Essay Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft von Montaigne-Freund Étienne de La Boétie, der erstmals in einer ungekürzten Fassung in der Übersetzung von Johann Benjamin Erhard erscheint. Seitdem hat das Buch zahlreiche Auflagen erlebt und sich zu einem wahren Longseller entwickelt – wenig verwunderlich angesichts der zahllosen Krisen der letzten Jahre, denn Boéties »Pamphlet wider einen Tyrannen«, wie es im Original heißt, hat auch nach rund fünfhundert Jahren nichts von seiner Wirkkraft verloren. »Und es ist ja nicht einmal nötig, gegen diesen einzelnen Tyrannen zu streiten oder sich gegen ihn zu verteidigen; er ist gestürzt, sobald das Land nicht mehr einwilligt, sein Sklave zu sein.«
Im Herbst legen Gabriele Weingartner und Otto Tremetzberger neue Romane vor, der berühmte Radierzyklus Die großen Schrecken des Krieges des Kupferstechers Jacques Callot erscheint in einer Prachtausgabe (parallel zur Veröffentlichung des historischen Essays Jacques Callot und die Erfindung des Individuums von Verleger Bernd Schuchter im Braumüller Verlag), und es beginnt eine weitere Erfolgsgeschichte, deren weitreichende Wirkung nicht absehbar ist. Stephan Eibel (noch mit dem Namenszusatz Erzberg) eröffnet mit unter einem himmel die neue Reihe Limbus Lyrik, die nach rund zehn Jahren fünfzig Bände umfassen wird. Als Herausgeber fungiert der Limbus-Autor und Journalist Erwin Uhrmann; seitdem widmet sich die Reihe Limbus Lyrik »konsequent der zeitgenössischen Lyrik«. Und es zeigt sich: In Österreich, ja im ganzen deutschsprachigen Raum gibt es Bedarf für eine Lyrikreihe, die dieses Genre nicht stiefmütterlich behandelt, sondern ihm im Gegenteil die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden lässt. Alle Bände erscheinen in schöner Ausstattung und mit individuellem Buchschmuck zu einem wohlfeilen Preis, wie es einmal in der Verlagswerbung heißt; zuerst zwei Bände pro Halbjahr umfassend, mittlerweile mit insgesamt sechs Titeln pro Jahr – etwaige Sonderprojekte zur zeitgenössischen Lyrik nicht mitgerechnet.
Limbus Lyrik nimmt im darauffolgenden Jahr jedenfalls Fahrt auf, unter anderem mit Büchern von Cornelia Travnicek, Alexander Peer oder Isabella Feimer. Ralf Schlatter legt einen weiteren Roman vor, und Lukas Meschik, eine der spannendsten Stimmen der jungen österreichischen Literatur, wechselt mit seinem Roman Über Wasser zum Verlag. Der ebenso talentierte wie produktive Autor und Musiker wird das Programm in den kommenden Jahren mit einigen weiteren Büchern prägen.
Der Herbst 2017 bringt mit Hühnergötter ein Buch von Frank Schäfer, der mit einer launigen Biografie über Henry David Thoreau bei Suhrkamp für Furore sorgt. Auf seine Empfehlung hin findet Thoreaus Essay Leben ohne Grundsätze seinen Weg ins Limbus-Programm; ein Glücksfall für den Verlag und ein Vorbild für die weitere Ausrichtung der Preziosen-Reihe. Das gilt auch für die elegante Erstübersetzung eines Briefwechsels von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais – dem Autor von Die Hochzeit des Figaro und des Barbier von Sevilla – durch Sylvia Tschörner; die Briefe ohne Nadeln sind schlicht Literaturgeschichte.

»Gerade deshalb jedoch ruft de la Boétie nicht zum Tyrannenmord auf: Man muss den Herrscher gar nicht töten, es reicht, wenn man ihm nicht mehr gehorcht.« Deutschlandfunk

»Der Dichter schafft es, in vier Zeilen mehr zu sagen als manche auf vielen Seiten.« ORF Ö1

»Bedürfnisse gehören reduziert, um mehr Zeit fürs ›wirkliche Sein‹ zu haben.« Kurier

»Geschwiegen, bis über den Tod hinaus.« Die Furche

»[Daniela Chanas] luftige Lyrik ist deshalb so bildstark, weil sie auf die unerhörte Schönheit des Schlichten setzt.« Carsten Otte für die taz

»Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt (Leibniz). Dieser Definition wäre einiges hinzuzufügen.« Kurt Tucholsky in Traktat über den Hund
2018–2019
Man kann von einem Glücksfall, einem glücklichen Zufall im wahrsten Sinne des Wortes sprechen, wenn einem Verlag ein solches Buch angeboten wird. Der Innsbrucker Historiker Niko Hofinger nimmt im Herbst 2017 Kontakt auf. Er arbeitet an einem Romanprojekt, das es in sich hat. Der israelische Filmemacher Yair Lev recherchiert zu einer erstaunlichen Geschichte für einen Dokumentarfilm. Es geht um Ernst Beschinsky, den 1987 verstorbenen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg. Der Großvater des Filmemachers hieß jedoch auch Ernst Beschinsky und wurde am selben Tag ebenfalls in Wien geboren. Als sich herausstellt, dass dieser der »echte« Ernst Beschinsky gewesen sein musste und der in Innsbruck wirkende der »falsche«, droht ein Skandal.
Der »falsche« Beschinsky entpuppt sich als wahrer Überlebenskünstler, der in den Wirren des 20. Jahrhunderts seinen Weg gefunden hat; ein Leben wie ein Roman, wobei nichts erfunden ist, sondern von Niko Hofinger in jahrelanger Arbeit in Archiven auf der ganzen Welt aufgestöbert wurde. Das Buch erscheint zur Erstausstrahlung von Yair Levs Film Der Mann, der zweimal starb, der wiederum anlässlich des Jubiläums von achtzig Jahren Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland im österreichischen und deutschen Fernsehen gezeigt wird. Das Echo auf Buch und Film ist überwältigend, es bewahrheitet sich, dass manchmal die Realität mehr Fiktion beinhaltet als jeder Roman. Dass eine Verfilmung des Stoffs durch einen renommierten Schauspieler, der im Cast von Schindlers Liste aufscheint, schließlich scheitert, ist ein anderes Kapitel.
Der Herbst 2018 bringt einmal mehr einen Lyrik-Schwerpunkt, die Reihe entwickelt sich prächtig. Ein Highlight ist das Lyrikdebüt Sagt die Dame von Daniela Chana, das es auf die Liste der renommierten »Lyrik-Empfehlungen« schafft, die von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und anderen Kulturträgern jährlich herausgegeben wird. Quasi zwei Vermessungen der Lyrik-Szene ergänzen das Programm: Florian Bissigs Mauerlängs durch die Nacht – ein Überblick über die Schweizer Lyrik der letzten Jahrzehnte –, sowie wo warn wir? ach ja: Junge Österreichische Gegenwartslyrik, ein Reader zur zeitgenössischen österreichischen Lyrik, herausgegeben von Robert Prosser und Christoph Szalay.
Im Verlag erscheinen mittlerweile etwa fünfzehn Bücher jährlich, im Jahr 2019 sind es dann noch einmal drei mehr, was daran liegt, dass einige Sonderprojekte an Limbus herangetragen werden, die einfach eingeschoben werden müssen. Im Frühjahr überrascht vorerst Limbus Lyrik-Herausgeber Erwin Uhrmann mit seinem Roman Toko; das Buch wird gut wahrgenommen, ebenso die Lyrikreihe, in der nun drei Bände pro Halbjahr erscheinen.
Als Preziose erscheint John Burroughs’ Von der Kunst, Dinge zu sehen erstmals in deutscher Übersetzung, Kurt Tucholskys Traktat über den Hund ergänzt die politisch-ironische Note. Besondere Aufmerksamkeit bekommt das Vaterbuch von Lukas Meschik, mit einem Auszug ist der Autor zum Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt eingeladen. Für Meschik bedeutet das den endgültigen Durchbruch als Schriftsteller, für den Verlag die Gewissheit, ein guter Ort für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu sein.
2020–2021
Man kann es nicht leugnen: Der Buchhandel mag Jubiläen und Jahrestage – Verlage ebenso. Geburtstage sind gut, Todestage noch besser, denn – eine zynische Verlagsweisheit – ein*e tote*r Autor*in hat keine Sonderwünsche. So ist also alles angerichtet für einen Schwerpunkt zu fünfzehn Jahren Limbus Verlag im Jahr 2020. Und dann kommt, nun ja, nennen wir es: eine Krise. Eine, die jeden und jede weltweit angeht und für die nächsten Jahre beschäftigen wird. Vielleicht ist es bezeichnend, dass diese Krise in Österreich in Tirol, genauer in Innsbruck, ihren Ausgang nimmt. Aber jede Krise ist auch eine Gelegenheit, Resilienz zu beweisen, und das schafft der Literaturbetrieb in den kommenden Monaten mit erstaunlicher Kreativität. Der Limbus Verlag macht einfach weiterhin Literatur.
Die Entdeckung des Frühjahrs ist ein Band mit drei bisher kaum bekannten Märchen von Marlen Haushofer, die unter dem Titel Der gute Bruder Ulrich erscheinen. Haushofers Geburtstag jährt sich im Jahr 2020 zum 100. Mal, ihr Todestag zum 50. Mal. Auf dem Einband sieht man einen Schwarm wild flatternder Vögel, auch für den Verlag ein schönes Zeichen für einen Aufbruch. Was noch? Limbus startet ein Limbus Lyrik-Abo, das bequem nach Hause geliefert wird; es gibt Wohnzimmer-Lesungen von Autor*innen, die gestreamt werden, und Lukas Meschik schreibt unter dem Titel Coronanarrativ einen inspirierenden Blog.
Im Herbst 2020 segelt der Verlag immer noch auf hoher See, geht aber etwa mit dem wunderbaren Essay Zur Erteilung des Frauenwahlrechts von Harriet Taylor-Mill voran; auf dem Einband diesmal ein ikonisches Bild von zwei Frauen und einem Kind, die fahnenschwenkend, mit Blumen in der Hand und einem Neugeborenen im Arm, mutig in die Zukunft gehen. Zu Optimismus gibt es durchaus Anlass, denn die Krise zeigt, dass Literatur – wie immer in solchen Zeiten – den Menschen Halt gibt, was sich im Betrieb an stabilen, oft steigenden Umsätzen niederschlägt. Im Herbstprogramm tragen etwa Ralf Schlatter mit seinem wunderbaren Roman Muttertag oder Katharina J. Ferner mit ihrem Prosadebüt Der Anbeginn ihren Teil dazu bei. Und bei allem Sinn für die Krise schadet auch ein Blick in die Vergangenheit nicht: etwa mit der Preziose Die Windhose vom 13. Oktober 1870 von Gregor Mendel, dem Entdecker der Vererbungsregeln. Und noch etwas: Seit der Jahresmitte firmiert der Verlag unter der Adresse Herzog-Friedrich-Straße 5 in der Innsbrucker Altstadt, kaum zehn Meter vom weltberühmten Goldenen Dachl entfernt.
Im Frühjahr 2021 stattet Wolfgang Hermann mit Herr Faustini bekommt Besuch dem Verlag einen ebensolchen ab, besonders gut wahrgenommen wird aber der umfangreiche Erzählband Neun seltsame Frauen von Daniela Chana, in dem – angelehnt an die neun Musen des Apoll – ebensoviele Geschichten über Frauen in der Jetztzeit erzählt werden, in der dieser Autorin ganz eigenen schlichten, schnörkellosen Sprache. »Chana ist eine Bildhauerin des Wortes«, urteilt der FALTER und ahnt damit vielleicht, dass der Band bei Kritik und Publikum größere Aufmerksamkeit erhalten wird, und tatsächlich: Neun seltsame Frauen wird im Herbst des Jahres für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Chapeau! Auch wenn der Preis schließlich nicht an Daniela Chana geht, bedeutet allein die Nominierung für den Verlag beträchtliches Renommee.
Ein Schwerpunkt bildet im Frühjahr einmal mehr die Lyrik, Autor*innen wie Jana Volkmann, Maria Seisenbacher oder Marcus Pöttler bereichern die Reihe. Ein Thema ist auch die US-Wahl mit Isabella Feimers American apocalypse und Frank Schäfers Das andere Amerika. Im Juni erscheint nach langer Vorbereitungszeit Das jüdische Graz von Elie Rosen, ein wichtiges Stück Erinnerungskultur.
Die Krise begleitet den Verlag nach wie vor, wenngleich unter anderen Voraussetzungen: Dieses Mal ist es eine Papierkrise, aber da geht es immerhin allen Verlagen gleich. Der Limbus Verlag kratzt dennoch ein paar Rollen Munken oder Alto zusammen, dazu noch ein, zwei Meter Lesebändchen, um im Herbst 2021 einen schmalen Band zu veröffentlichen, der eine angesichts der Entwicklungen der letzten zwei Jahre steile These aufstellt: »Wir haben verlernt, miteinander zu sprechen.« Es ist »ein Buch zum Neben-die-Kassa-Legen, ein österreichisches Empört euch!, ein Buch gegen die Krise, die für Verlage und den Buchhandel gar keine ist«, wie der Verlag in der Verlagsvorschau schreibt. Der Titel lautet Einladung zur Anstrengung, der Autor ist Lukas Meschik, und das Buch trifft den Nerv der Zeit. Nach wenigen Wochen ist die erste Auflage verkauft, weitere folgen.

»In ihren Märchen spiegelt uns Marlen Haushofer die Kraft unserer Wünsche.« publikforum

»Eine Denkerin, die so konsequent auf Freiheit setzte wie kaum ein Zeitgenosse.« Claudia Mäder in der NZZ über Harriet Taylor-Mill

»Daniela Chana hat ein Versprechen für die Zukunft abgegeben. Man freut sich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.« APA

»Man versteht, warum Meschik eine Anstrengung fordert. Sein Buch zu lesen bereitet hingegen ein müheloses Vergnügen.« Andreas Kremla für den FALTER

»Das erweitert den Klangraum dieser Gedichte, die Katharina J. Ferner als eine der interessantesten lyrischen Stimmen der letzten Jahre ausweisen.« Cornelius Hell in Die Presse über die Dialektpassagen in Katharina J. Ferners krötentage

»Jetzt sind die Leser am Zug.« Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten über Die Würde der Empörten

»Ich bin ein Hotelbürger, ein Hotelpatriot.« Joseph Roth

»Ralf Schlatter hat einen märchenhaften Roman in Versen und Reimen geschrieben – ein Lesevergnügen.« Christopher Zimmer für Surprise
2022–2023
Die Papierkrise bleibt für die Verlage nicht die einzige Krise – denkt man in diesem Frühjahr an die Verwerfungen im Osten Europas –, oder mit dem zweiten Lyrikband von Katharina J. Ferner gesprochen: es sind krötentage. Wobei das nicht auf die Autorin selbst zutrifft, war sie doch ein halbes Jahr zuvor beim Bachmannpreis eingeladen, eine schöne Auszeichnung. Mit seinem wunderbaren Sinn für melancholische Komik legt Ralf Schlatter mit 43’586 ein Schweizer Decamerone vor, wie es im Untertitel heißt. »Manche Geschichten explodieren wie ein Feuerwerk, andere kreisen leise um eine Katze, etwa um den Friedhofskater Zarathustra. Das kann sehr komisch sein und auch ein wenig traurig«, schreibt Angelika Overath in der FAZ und lobt dieses »menschenfreundliche Buch«.
Ralf Schlatters Auslassungen verweisen schon auf den Herbst, in dem mit Literatur in der Quarantäne ebenfalls Ein kleines Decamerone erscheint. Wobei sich auch die Frage stellt: Soll man Memoiren schreiben? Die Antwort gibt Erich Mühsam in seinem schönen Preziosen-Band. Memoiren der anderen Art liefert Gabriele Weingartner mit ihrem Roman Léon Saint Clairs Abschied von der Unendlichkeit, dem zweiten Band rund um ihren unsterblichen Helden, der die Jahrhunderte durchwandert. »Weniger als Roman über einen Taugenichts […] ist es vielmehr die Geschichte eines Parzival, der allerdings nicht im Ritterstande groß geworden ist und der auch keine Erlösung findet«, meint Jochen Schimmang in der FAZ über die beiden Romane, die wie aus der Zeit gefallen scheinen. Und dann friert sozusagen die Hölle zu, denn Gabriele Weingartner erhält für ihren Roman nach langen Jahren den nicht mehr für möglich gehaltenen Pfalzpreis für Literatur – irgendwie passend für das Buchjahr 2022.
Im Jahr 2023 gibt es noch mehr Grund zum Feiern: Österreich ist Gastland auf der Leipziger Buchmesse und der Limbus Verlag nutzt die Gelegenheit, nach ein paar Jahren Absenz wieder mit einem eigenen Stand vor Ort zu sein. Das Schaulaufen der Verlage auf den Buchmessen wirkt nach den Jahren der Gesundheitskrise unzeitgemäß, ein Fest ist es trotzdem. Lukas Meschik legt mit Die Würde der Empörten auch gleich das Buch der Stunde vor, obwohl sich der Verlag bisher eher gescheut hat, Bücher zur Krise zu veröffentlichen. »Dennoch: Das Unbehagen, das sich während der so fesselnden wie verstörenden Lektüre einstellt, bleibt im Anschluss noch lange erhalten«, schreibt Johanna Lenhart für Die Presse. Mit diesem Urteil kann man leben.
Festlich ist dem Verlag auch sonst zumute, feiert doch Stephan Eibel im Mai seinen siebzigsten Geburtstag – dem widerständigen Dichter aus Eisenerz ist es schließlich zu einem guten Teil zu verdanken, dass es die Reihe Limbus Lyrik überhaupt gibt. Zudem geht der Limbus Verlag – nun ist es ja nicht mehr nur in Gedanken möglich – auf Reisen. Cornelia Travnicek legt ihren Gedichtband Assu. Aus Reisen vor und Michael Stavarič macht sich auf Die Suche nach dem Ende der Dunkelheit, wofür sich der Autor einen Platz auf der Liste der Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sichert. Eine schöne Anerkennung für die Lyrikreihe!
Auf Reisen geht der Verlag auch mit Vernon Lee und ihren feinsinnigen Texten Über die moderne Art des Reisens, wobei das für die Zeit von Lee bedeutet, mit dem Zug zu fahren. Diese Preziose erscheint erstmals auf Deutsch und ist eine echte Entdeckung, die schnörkellose Übersetzung besorgt Klaus Bonn. Klug, feinsinnig und ironisch sind auch die Beobachtungen, die Joseph Roth in Leben im Hotel anstellt. Roth, selbst ein Leben lang Reisender und ständiger Hotelgast, weiß, worüber er schreibt. Das Buch selbst ist eine Perle, eine Kostbarkeit, ganz so, wie der Verlag sich eine Preziose vorstellt.
Auch der Herbst verspricht 2023 fulminant zu werden, legt doch Ralf Schlatter mit Des Reimes willen Henk einen Roman in Reimen vor, ein nicht unbeträchtliches literarisches Wagnis, das letzten Endes glücklich aufgeht. Sogar die Titanic reimt ein Hohelied: »Sehr erfreulich, sehr erfrischend, das Ganze, ein Dichtersmann, der Schlatter, das Reimtalent, das hatter.« Ein Ritterschlag der besonderen Art!
Ansonsten glänzen noch die Preziosen von Egon Erwin Kisch, Stefan Zweig und Walter Benjamin sowie ein junges literarisches Talent aus Luxemburg: Chris Lauer verzaubert mit ihrem Lyrikdebüt Gut verräumte Sternschnuppen Buchhandel, Presse und Leser*innen. »Dieser Band ist tatsächlich ein Glücksfall der deutschsprachigen Lyrik«, urteilt Björn Hayer für den Deutschlandfunk. Dem kann man nur zustimmen.
2024–2025
Nach den gefühlt ewig langen Jahren der Krise startet das Frühjahr im Limbus Verlag damit, dass die Literatur selbst die Krise ausruft. »Ein irritierend-aufrüttelnder Erzählsturm zwischen Dystopie, Climate-Fiction und Coming-of-Age-Geschichte in nüchterner Sprache und grotesken Bildern«, nennt das TAGEBUCH Erwin Uhrmanns Roman Zeitalter ohne Bedürfnisse. Beschrieben wird eine düstere Gesellschaft in einer vagen Zukunft, in der die Erwachsenen nach dem sogenannten Ausgleich nicht mehr essen müssen, die Nahrungsaufnahme ist beendet. Keine Handlungsanleitung, sondern eine unaufgeregte Dystopie, wenngleich die Kulturszene es ja durchaus gewohnt ist, den Gürtel von Zeit zu Zeit enger zu schnallen. Doch noch ist es nicht so weit.
Wobei, liest man in Jörg Piringers Gedichtband fünf minuten in die zukunft nach, so sind alle Denkunmöglichkeiten zugleich auch immer möglich, Stichwort KI. Passend dazu generiert Piringer seine Textbilder, die den Band zum Gesamtkunstwerk machen, »mittels selbstgeschriebener Software nach Algorithmen aus Biologie, Physik, Mathematik und nach eigenen künstlerischen Vorstellungen«. Das Buch verweist auf den im Jahr zuvor erschienenen Interviewband Computermacht und Vernunft mit und über Joseph Weizenbaum, dem Vater der Künstlichen Intelligenz. Im Verlag geht man derweil optimistisch in die Zukunft, schließlich entwickelt sich das Programm insbesondere in der Lyrik und in den Preziosen prächtig: Während Stephan Eibel das sternderln schaun empfiehlt, erobert mit Jean-Pierre Blanchard ein Pionier der modernen Luftfahrt gleich den ganzen Himmel, nachzulesen in der Geschichte aller sieben und dreißig Luftreisen Blanchards.
Im Herbst des Jahres erscheint der umfangreiche Roman Duffeks Hände des vielfach ausgezeichneten Autors Constantin Göttfert bei Limbus, der darin von den weitgehend rechtlosen Erntehelfer*innen im österreichischen Marchfeld erzählt; ein brisantes Thema, wie Johanna Lenhart für Die Presse urteilt: »Göttfert [ist] ein Roman gelungen, der sich sprachgewaltig in ein System vertieft, das für keinen funktioniert und keine Auswege bietet, egal, wie sehr man sucht.«
Die engagierte Literatur ist seit der Gründung vor zwanzig Jahren ein Schwerpunkt des Limbus Verlag, was sich auch im Jubiläumsjahr 2025 zeigt. Es ist nicht nur Zeit, in die Geschichte des Verlags zurückzublicken (um zu sehen, was funktioniert hat – oder eben nicht), sondern auch Zeit, einmal mehr die Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht aus dem Blick zu lassen. Gabriele Weingartner legt mit Persilscheinparty ein Buch von gesellschaftlicher Relevanz vor, in dem die Autorin der brisanten Frage nachgeht, »warum wir mit der Nachkriegszeit nicht abschließen können und sich die Zeiten dennoch ändern«. Erzählt wird – genau achtzig Jahre nach Kriegsende – aus Kinderperspektive von nur auf den ersten Blick unspektakulären Ereignissen im Sommer 1958.
Das Frühjahr bringt im Verlag ansonsten Befindlichkeiten, oder anders: Wahrnehmungen. »Ein Zittern und Herzklopfen« in Katharina J. Ferners salamanderin, »Empfindsamkeit« in Michael Stavaričs spüren oder gar »eine neue Sprache für den Körper« in Siljarosa Schletterers entschämungen. Den ultimativen Beitrag zu dieser Mentalitätsgeschichte der Körperlichkeit liefert aber der große Satiriker Jonathan Swift, von dessen Schriften nicht nur sein utopischer Roman Gullivers Reisen die Zeiten überdauert hat, sondern auch sein ironisches Pamphlet Der Nutzen des Furzens erläutert.
Zwanzig Jahre Limbus Verlag, meine Güte, das ist eine lange Zeit. Das sind etwa dreihundert Bücher von rund hundert Autor*innen, das sind unzählige Gespräche und viele Ideen, wie man es machen könnte oder eben nicht. Das sind Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfolge und Rohrkrepierer, kurz: Das ist das Leben.
Der Herbst 2025 wird neue Bücher bringen, das ist gewiss. Ein neues Buch von Ralf Schlatter wird Verlag und Publikum erfreuen, es wird den einen oder anderen Gedichtband, den einen oder anderen Jubilar geben. Die Preziosen werden vielleicht für Überraschungen sorgen, die eine oder andere Wiederentdeckung von Autor*innen, die man vielleicht nur vage kennt und die einem vielleicht so bekannt vorkommen wie alte Freunde, die man für eine lange Zeit nicht mehr getroffen hat. Es kann auch gut sein, dass es eine neue Reihe im Verlag geben wird, solche Dinge passieren. Und es wird die Zeit kommen, sich für zwanzig Jahre Verlagsarbeit auch ein wenig zu loben, das eine oder andere Fest zu feiern oder dem Publikum bei einer der hoffentlich zahlreichen Lesungen und sonstigen Veranstaltungen von einer Idee zu erzählen, von der vagen Idee, einen Verlag zu gründen, vor Jahrzehnten. Allen Widerständen zum Trotz.

»Auch wenn Erwin Uhrmann diesen Zustand in seinem neuen Prosawerk nicht dezidiert so nennt, befinden wir uns in der Postapokalypse.« Björn Hayer im Letzebuerger Tagblatt über das Zeitalter ohne Bedürfnisse

»›Menschen oder Götter Gebt euch zu erkennen!‹, riefen [die Bauern] den Luftschiffern zu, welche zum Beweis ihres Menschentums Kleidungsstücke abwarfen.« Buchkultur

»Reich an Metaphern, ironisch, zynisch, scharfkantig und voller Schwielen ist die Sprache in diesem Roman.« Literaturhaus Wien

»HIER SIND ALLE FÜRZE FREI.« Nach Swift eine Torinschrift auf Veranlassung von König James I., nachdem ein adeliger Gefolgsmann in seiner Gegenwart starb, weil er einen Furz unterdrückt hatte.
